100 Jahre Pixinguinha – ein Monument
in der brasilianischen Popularmusik

von Johannes Asal *


Dieses Jahr (1997) ist der hundertste Geburtstag eines Musikers, der in Brasilien beinahe die Verehrung eines Heiligen genießt. Der Journalist, Historiker und Kritiker Ary Vasconcelos, der bereits eine Reihe von Büchern über brasilianische Musik veröffentlicht und darüber hinaus Festivals sowie Radio- und Fernsehsendungen mitgestaltet hat, schrieb über ihn:
`Wenn du 15 Bände zur Verfügung hast, um über brasilianische Popularmusik zu schreiben, dann sei gewiß, daß das wenig ist. Wenn du aber nur Platz für ein Wort hast, dann ist dennoch nicht alles verloren; schreibe eilends: Pixinguinha.'

Am 23. April 1897 wurde im Stadtteil Piedade von Rio de Janeiro Alfredo da Rocha Vianna Filho als Sohn des Beamten Alfredo da Rocha Vianna und seiner Frau Raimunda geboren. Die ersten Buchstaben in der Schule interessierten ihn  weniger als die ersten Musikstücke, die er bei den Serenaden hörte, welche sein Vater, ein angesehener Flötist, in seinem Haus mit dem Spitznamen „Pension Vianna" veranstaltete - im Stadtviertel Catumbi, wohin die Familie inzwischen gezogen war. Der alte Vianna liebte es, wenn er das Haus voller Leute hatte, und jeder, der in Choro-Kreisen damals einen Namen hatte, ließ sich mal dort blicken, darunter auch Heitor Villa-Lobos.
Einer seiner zahlreichen Brüder (die Eltern hatten insgesamt 14 Kinder), Henrique, drückte Alfredo sein erstes Instrument in die Hand, ein Cavaquinho [=kleine, viersaitige Gitarre], und zeigte ihm „den C-Dur- und den G-Dur-Griff".

Sein zweiter Lehrer war César Borges Leitão, der wie der Vater Alfredo im Elektizitätswerk der Telefongesellschaft arbeitete. Später erzählte Pixinguinha: „Nach kurzer Zeit konnte mein Lehrer Borges mir nichts mehr beibringen, denn alles, was er wußte, hatte er mir bereits gezeigt." Mit elf oder zwölf Jahren schrieb Pixinguinha sein erstes Werk, den Choro „Lata de leite“ (= Milchkanne), inspiriert von der Angewohnheit der Choro-Musiker, von der von den Milchmännern vor die Häuser gestellten Milch zu trinken, wenn sie mit ihren Instrumenten vom Auftritt nach Hause gingen.

Was die Herkunft des Spitznamens Pixinguinha betrifft, so existieren mehrere Versionen. Nach Sérgio Cabral nannte die noch in Afrika geborene Großmutter Edwiges ihn Pizinguim (etwa: „kleiner Dummkopf"); eine andere Schreibart lautet Pizindim, was ungefähr „guter Junge" heißen soll. Wieder eine andere Version besagt, daß eine Cousine, Eurídice, ihm den Spitznamen Pizinguim gegeben hat. Später bekam er während einer Epidemie die Pocken (portugiesisch:  bexiga) und von da an nannte man ihn Bexiguinha und später Pexiguinha.

Der größte Wunsch des kleinen Alfredo war es, Es-Klarinette zu lernen, aber da sein Vater nicht sofort eine kaufen konnte, brachte er ihm zunächst einmal die Tonleiter auf der Querflöte bei und kaufte ihm dann ein Instrument. Später hatte der Junge Musikunterricht bei Professor Irineu de Almeida, der Posaune und verschiedene andere Blechblasinstrumente spielte. Dieser war so begeistert von Pixinguinhas Fortschritten auf  der Flöte, daß er den Vierzehnjährigen mitnahm zum Karnevalsverein „Filhas da Jardinheira", wo der Zögling erstmals als Musiker in einer Blaskapelle mitspielen konnte. Im selben Jahr wirkte er zum erstenmal bei Plattenaufnahmen mit, und im Jahr darauf hatte es Pixinguinha bereits zum musikalischen Leiter des Karnevalsvereins „Paladinhos Japoneses" gebracht. Ungefähr um diese Zeit, 1911 oder 1912, wurde Pixinguinha für die Hausband der Kneipe  „La Concha" im Stadtteil Lapa engagiert, wo er von da an sein Geld als Profimusiker verdiente. In den darauffolgenden Jahren festigte sich sein Ruf, so daß er ab 1917 schon seine eigenen Kompositionen auf Platte aufnehmen konnte, darunter auch der bekannte Walzer „Rosa".

Kurz nach dem Karneval 1919 fragte Isaak Frankel, der Geschäftsführer des  „Palais"-Kinos, ob Pixinguinha nicht  eine Gruppe zusammenstellen könne, um in der Eingangshalle zu spielen. Damit bot sich den Popularmusikern die Gelegenheit zu einem sozialen Aufstieg, denn in den Eingangshallen der Kinos an der Avenida Rio Branco spielten damals nur die allerbesten Musiker jener Zeit, wie beispielsweise Ernesto Nazareth, und das Repertoire bestand ausschließlich aus ausländischen Kompositionen wie Mazurkas, Schottischen usw. Pixinguinha wählte also sieben weitere Musiker aus, und so entstand die berühmte Gruppe  „Os Oito Batutas"(Die acht Tüchtigen), die aus Flöte, Klavier, Gitarren, Bandolim [=brasilianische Variante der Mandoline], Cavaquinho und Perkussion bestand. Das Ensemble schlug sofort ein. Selbst Nazareth kam, wenn sein eigener Auftritt im Odeon-Kino vorbei war, um der Vorstellung zu lauschen. Der Ministerpräsident Rui Barbosa, Arnaldo Guinle und Nazareth konnten sich an den Choros der  „Batutas" nicht satthören, und es wurde modern, sie für elegante Feste zu engagieren. Arnaldo Guinle, einer der reichsten Männer Brasiliens, beschloß sogar, Geld beizusteuern, damit die „Batutas" zwischen 1919 und 1921 Konzertreisen nach São Paulo, Belo Horizonte, Curitiba, Salvador und Recife unternehmen konnten. Im Cabaret „Assírio", wo die feine Gesellschaft Rios verkehrte, hatten die „Batutas" Gelegenheit, die Auftritte des Tänzer-Ehepaares Duque und Gabi zu begleiten, die es in Europe mit ihrem getanzten Maxixe bereits zu Ruhm gebracht hatten. Auf den Vorschlag Duques hin beschloß der Millionär Arnaldo Guinle, einen Aufenthalt des Ensembles in Europa zu finanzieren.

Im Februar 1922, trafen sieben der acht „Batutas" in Paris ein, um im Cabaret „Scheherazade" Triumphe zu feiern. Das französische Publikum war vom Chorinho und vom - damals noch eher wie Maxixe klingenden - Samba der „Batutas" begeistert. Berühmte Musiker, wie Harold Bozzi, erster Preisträger für Flöte des Pariser Konservatoriums, ließen es sich nicht nehmen, Pixinguinha persönlich zu seinen glänzenden Auftritten zu gratulieren. Er wurde zum Pionier der Verbreitung authentischer brasilianischer Musik im Ausland. - In Brasilien gab es unterdessen viele Stimmen, die es für eine Schande(!) hielten, daß Brasilien von einer Gruppe schwarzer Musiker repräsentiert wurde.
Für Pixinguinha war dieser sechsmonatige Aufenthalt in Paris eine Quelle der Inspiration. Er begann, mit dem Saxophon zu experimentieren, das er in den „Jazz-" (oder besser: Tanz-) Bands gehört hatte, und nach seiner Rückkehr nach Brasilien komponierte er Stücke in einem neuen Stil wie „Lamento" und entwickelte seine Arrangierkunst weiter, die - neben seinen Kompositionen und seiner Tätigkeit als Flötist - sein wichtigster Beitrag zur brasilianischen Popularmusik war. Sérgio Cabral schrieb dazu: „Es ist keineswegs übertrieben zu behaupten, daß von da an, als er das Orchester der Plattenfirma Victor Talking Machine im Jahre 1929 gründete, um Musikstücke zu spielen oder auch Sänger zu begleiten, Pixinguinha  d a s  brasilianische Arrangement für populäre Musik schuf. Da er gezwungen war, Orchestrierungen für alle damals existierenden Musikstile zu schreiben, begründete er Formeln, die noch von den Meistern nach ihm angewandt wurden."

Als Pixinguinha in der 40er Jahren die Querflöte wegen technischer Probleme infolge seiner angeschlagenen Gesundheit beiseite legen mußte, verlegte er sich ganz auf das Tenorsaxophon, das er schon in der letzten Jahren zunehmend gespielt hatte. Er gründete zusammen mit dem Flötisten Benedito Lacerda ein Ensemble, das eine Reihe berühmter Aufnahmen realisierte. In den 50er Jahren schrieb er noch ein weiteres Kapitel der MBP mit seinem Ensemble „Velha Guarda".

Es gibt nur wenige Musiker, die eine solche Bewunderung im brasilianischen Volk genossen wie Pixinguinha, und im folgenden lesen wir zwei Berichte, die dies verdeutlichen. Der erste ist von Sérgio Cabral, dem Autor der Biographie „,Pixinguinha, vida e obra - Pixinguinha, Leben und Werk":
`1961 nahm ich ihn nach Belo Horizonte mit für eine Fernsehsendung, die ich konzipiert hatte und die von Borjalo geleitet wurde. Nach der Sendung gingen wir zum Essen in ein Restaurant mit dem Namen „Califórnia", in dem die Kellner einen in derWelt der Bohème wahrscheinlich noch nie dagewesenen Entschluß faßten: begeistert von der Musik, die Pixinguinha und die Velha Guarda den ganzen Abend gespielt hatten, zahlten sie das Essen. Borjalo, schon im Begriff, die Rechnung zu verlangen, fragte nach: „Hat uns das Haus dieses Essen spendiert?" „Nein", erwiderte einer der Kellner, „wir haben euch eingeladen." '

Den zweiten Bericht finden wir in der Biographie „Filho de Ogum Bexiguento" von Marília T. Barboza da Silva und Arthur L. de Oliveira Filho:
`Pixinguinha hatte zu später Stunde seinen Auftritt in der Stadt beendet, seine Gage von 20 Scheinchen bekommen und den letzten Zug genommen, da er in einem weit entfernt liegenden Stadtteil wohnte. Wenige Meter nach dem Aussteigen tauchten drei riesige Gestalten aus dem Dunkel auf und gingen auf ihn zu. Er dachte sogleich: „Jetzt ist es soweit! Nur ruhig, Pixinga!" Er wurde eingekreist. Er  konnte nichts erkennen außer etwas blinkendem in der Hand von einem der Banditen. „Das Geld her, Freundchen, und zwar alles, los, los!" Pixinguinha gab alles her und dachte dabei an die gekochten Bohnen vom nächsten Tag, ohne Fleisch darin. An all die Halstücher, die er vollschwitzte, wenn er für das tägliche Brot Flöte spielte.
„Was ist das, dieser kleine Koffer?" „Bitte nicht das, mein Freund, das ist meine Flöte, mein Lebensunterhalt. Bitte, laß sie mir!" Ein Augenblick der Stille machte die Unentschlossenheit der armen Vorstadt-Bösewichte deutlich. Sie zündeten ein Streichholz an. Der zaghafte, gelbliche Schein beleuchtete ein dunkles, rundliches Gesicht mit Pockennarben, in dem der Schrecken dennoch nicht ganz das eigensinnige Lächeln vertreiben konnte, das sich hervorwagte.
„Aber, mein Gott, das ist Pixinguinha!" - Wie konnten sie den Erkannten ausrauben? „Mensch, lieber Pixinguinha, verzeih. Du bist einer von uns, ein Samba-Mann, einer, der Schnaps trinkt, mein Freund! Da, nimm dein Geld zurück!"
Nun, die zwanzig Milreis kamen nicht zu Hause an. Der Künstler ging mit den Räubern weiter, die ihn nunmehr als Eskorte sicher nach Hause geleiten sollten. Am ersten Stand, der gerade zum morgendlichen Kaffee für die Frühaufsteher öffnete, blieben sie stehen, um eine Kleinigkeit zu trinken und auf die neu geschlossene Freundschaft anzustoßen. Sie baten ihn zu spielen. Und der Samba ging ab, Partido-Alto, mit Schnaps begossen, alles auf Kosten der mittlerweile berühmten Gage, die Dona Betty (seine Frau) niemals zu Gesicht bekam.'

Am 17. Februar 1973 war Pixinguinha in die Kirche Nossa Senhora da Paz (Unserer Lieben Frau des Friedens) im Stadtteil Ipanema gekommen, um an der Taufe des Sohnes von einem seiner Freunde teilzunehmen; er fühlte einen „seltsamen Schmerz" im Bauch, bekam Atembeschwerden und fiel zu Boden. Als Minuten später die Ärzte eintrafen, war er schon tot. Die Musiker der berühmten Blaskapelle von Ipanema, die gerade mit dem Karnevalsumzug vorbeimarschierten, legten die Instrumente beiseite, und niemand sang. Während Pater Waldenack, der die Taufe vollziehen sollte, neben dem Körper betete, tröstete der Chef einer Funk-Patrouille die Narren, die am Portal der Kirche standen:
„Pixinguinha ist an einem der schönsten Orte auf dieser Erde gestorben. Er ist gestorben wie Christus - wißt ihr, warum? Weil es, wie damals, als Jesus seine Augen schloß, zu regnen begann."'

* Dieser Text ist das Manuskript zur " Espaço Aberto"-Sendung vom 1.6.1997 und basiert auf den beiden zitierten Biographien sowie dem Hüllentext der Schallplatte Música Popular Brasileira - Pixinguinha, erschienen bei der Editora Abril 1976, 2.Auflage

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