Pressekonferenz mit Ney Matogrosso am 4.7.1999
beim Festival "Viva Afro Brasil" in Tübingen
Übersetzung u. Redaktion: Johannes Asal
- Ney, kannst du uns ein wenig über deine Musik erzählen, die sich ja doch ziemlich von dem unterscheidet, was die Hörer von brasilianischer Musik gewohnt sind?
Zunächst einmal komponiere ich nicht selbst, sondern bin lediglich Interpret. Gerade weil ich kein Komponist bin, versuche ich etwas anderes zu machen als das, was gerade angesagt ist. Ich versuche herauszufinden, was gerade in Mode ist, um mich genau davon möglichst weit zu entfernen.
- Wie ist es für dich, vor einem deutschen Publikum zu stehen?
Meine radikalste Erfahrung hatte ich in Bonn. Es war nicht auf einem Festival und es waren auch nicht viele Brasilianer da, und es war interessant zu beobachten, dass die Leute sich von einem bestimmten Moment an öffneten, sie ließen mich sozusagen ankommen, obwohl sie nicht verstanden, was ich sagte. Für mich war es ein sehr schönes Erlebnis, weil ich vorher ziemlich besorgt gewesen war, sie könnten abweisend sein.
- Erzähl´ von deinem neuen Album "Olhos de Farol"!
Ich wähle immer gerne einen Namen, der etwas bestimmtes aussagt. Auf diesem Album zum Beispiel stelle ich einige junge Komponisten vor, die noch nicht so große Aufnahme bei den Medien gefunden haben. Man kennt sie wohl schon in Rio de Janeiro ... alle haben sie schon veröffentlichte Werke – ich will nicht sagen, dass sie jetzt unbekannt sind, aber vor 10 Jahren waren sie es noch. Ich glaube, der Name "Leuchtturm-Augen" sagt genau das aus: suchen, sich umsehen nach Neuem.
- Du hast lange Zeit keine neuen Lieder aufgenommen, sondern ältere Sachen z.B. von Chico Buarque. Jetzt hast Du ganz neues Material gewählt – wie erklärst du das?
Ich hatte mich aus eigenem Entschluss der Vergangenheit der brasilianischen Musik zugewandt. Ich wollte sie in die Gegenwart herüberbringen und habe darauf 10 Jahre verwendet. Die letzte Platte, die ich aufgenommen habe, enthielt Stücke von Villa-Lobos und Antônio Carlos Jobim. Danach fand ich es an der Zeit, mich im brasilianischen Denken zu aktualisieren.
- Wie hast du es geschafft, eine solche Auswahl an erstklassigen Musikern für die Alben zusammenzubekommen?
Diese Musiker spielen schon eine ganze Weile mit mir zusammen. Es sind Leute, die kaum noch mit anderen spielen. Sie nehmen ihre eigenen Platten auf und stehen hauptsächlich noch für Studioaufnahmen zur Verfügung. Ich kenne sie schon ziemlich lange, Márcio Montarroyos beispielsweise hat meine erste Band 1975 zusammengestellt. Wir sind Freunde, und die anderen Musiker habe ich so nach und nach kennengelernt, bei Aufnahmen. Die jetzige Band ist schon zum zweiten Mal bei einem Programm dabei.
- Welches sind die Kriterien, nach denen du ein Lied für dein Repertoire auswählst?
Der Text muss eine gewisse Nähe zu meinem eigenen Denken aufweisen, das steht an erster Stelle. Das wichtigste ist, dass der Text etwas aussagt, das ich mit Wahrhaftigkeit rüberbringen kann.
- Welche Aussagen möchtest du rüberbringen?
Ganz unterschiedliche! – Auf dieser neuesten Platte, wo es relativ unbekannte Autoren gibt, ist das interessante gerade die Tatsache, dass von ernsten, nicht oberflächlichen Themen die Rede ist, und alles auf eine leichte Art und Weise.
- In dem Lied "Rosa de Hiroshima" hast du schon über das Problem der Atombombe gesungen.
Das Lied ist von 1973. Aber ich finde, mit jedem Jahr, das vergeht, wird es aktueller – man muss sich nur die Welt anschauen ...
- Gibt es ein zentrales Thema auf der neuen CD?
Nein, es gibt verschiedene. Ein Lied heisst "Cara do Brasil" [Gesicht Brasiliens] und handelt von den großen Widersprüchen in Brasilien: zur gleichen Zeit, wo Menschen im Nordosten an Wassermangel sterben, gibt es Leute, denen es recht ist, wenn die Dürre anhält und weiterhin Menschen daran sterben. Ein anderes Lied, "Miséria no Japão", spricht davon, dass Miseren keine exklusive Angelegenheit Brasiliens sind, denn auch in Japan gibt es Miseren zu beweinen.
- Welche Bedeutung hat die Bühnenshow für dich?
Alles, was ich musikalisch mache, hat das Ziel, auf die Bühne zu kommen. Die Bühne ist das wichtigste für mich. Dort passiert alles, nicht im Studio.
- Gibt es in Brasilien eine Tradition der Kritik innerhalb der Musik?
Die gibt es vor allem im Rock. Cazuza hatte diese kritische Haltung ganz ausgeprägt. In letzter Zeit ist es nicht mehr so deutlich. Die Leute wollen lieber zur Musik mit dem Hintern wackeln. Leider sind wir so weit gekommen, darauf reduziert zu sein. Die ganze Kunst Brasiliens wird darauf verwendet, mit dem Hintern zu wackeln. Ich habe absolut nichts gegen wackelnde Hintern, aber es ist einfach nicht repräsentativ.
- Wie siehst du es, wenn du selbst bei der Show mit dem Hintern wackelst?
Ich bin ein Mann, der provoziert. Ich bin keine Frau – Frauen stellen sich nicht einmal aus freiem, spontanem Entschluss zur Schau, sondern, weil sie dafür engagiert werden.
- Du hast ja auch eine Super-Band zu bieten, es ist also nicht nur Hintern-Wackeln ...
Ja, es ist Provokation bei mir. Der Hintern ist zwar schon ein Teil der brasilianischen Musik, aber er ist nicht alles.
Ich glaube, mein Auftreten seit 1973 hat das öffentliche Bewusstsein in dieser Hinsicht befreit. Heute tanzen auch Männer in Brasilien, das gab es damals noch nicht. Als ich das damals machte, puh, da wäre ich deswegen fast ins Gefängnis gekommen. Das war 1973, auf dem Höhepunkt der Militärdiktatur, als drei Personen sich nicht an einer Ecke treffen durften, ohne gleich festgenommen zu werden. Da war mein Auftreten eine Herausforderung – mich, meine Meinung zur Schau zu stellen, zu versuchen, an der organisierten Struktur zu rütteln, mit einem Körpereinsatz, der für einen Mann unzulässig war...
- Du bewegst dich ziemlich aufreizend.
Aber ich reize mich selbst auf!
- Normalerweise sind es ja die Männer, die sich an schönen (Frauen-)Körpern auf der Bühne erfreuen, aber heute haben sich auch viele Frauen an deiner Schönheit erfreut.
Ich finde diese Offenheit interessant. Warum sollte man nur Frauen erlauben, sich vor Männern zur Schau zu stellen? Männer sind auch aufregend, wenn sie sich zur Schau stellen. Für mich geht das noch weiter, alles hat einen gewissen Wert. Wir bewegen etwas, das in der Fantasie der Menschen liegt. Ich beabsichtige nicht, jemanden in mein Hotel abzuschleppen, aber ich habe die Absicht, die Libido der Menschen zu berühren, das ist ein Teil von mir, das liegt in meiner Natur.
- An deiner körperlichen Fitness kann sich so mancher 20jährige ein Beispiel nehmen.
Klar, aber ich kümmere mich auch um mich. Ich trainiere täglich, esse kein Fleisch, kein Fett, keinen Zucker ... ich muss mich korrigieren – hier in Europa habe ich Fleisch gegessen, weil ich mich ziemlich schwach fühlte. Ich trainiere aber nicht, um jemand anderer zu werden, sondern um mich nicht von mir selbst zu entfernen. Ich möchte meinen Körper erhalten, wie er ist, ich möchte beweglich bleiben, und nicht zu einer aufblasbaren Puppe werden.
- Man sagt, du wärst schüchtern, aber auf der Bühne wirkst du nicht so.
Auf der Bühne bin ich nicht schüchtern, kein bisschen. Ich würde nicht sagen, dass ich schüchtern bin, eher zurückhaltend. Ausserhalb der Bühne brauche ich nicht im Mittelpunkt zu stehen, ich bleibe lieber unbemerkt. |