Gilberto Gil – Kurzbiografie

Übersetzung und Redaktion*: Johannes Asal

Gilberto Passus Gil Moreira wurde am 26. Juni 1942 unter dem Sternbild des Krebses in Salvadors traditionellem Viertel Tororó geboren, ganz in der Nähe, wo auch zwei weitere musikalische Genies von Bahia auf die Welt gekommen waren: Assis Valente und Dorival Caymmi.
Aber der dunkelhäutige Junge kam bereits mit dem Fuß auf der Straße zur Welt. Im Alter von nur zwanzig Tagen zog er mit seinen Eltern - der Lehrerin Claudina und dem Arzt José Gil - in die Kleinstadt Ituaçu im Hochland von Bahia, wo er seine ersten neun Lebensjahre mit den Klängen von Volkssängern und blinden Viola-Spielern verbrachte. Auf diese Zeit geht übrigens auch seine erste musikalische Vorliebe zurück, die auch heute noch klar und deutlich zutage tritt: Luiz Gonzaga, der König des Baião.
So wuchs der Lausbub also unter dem blauen Himmel des Trockenwalds auf, bis der Vater allmählich daran dachte, ihn auf die höhere Schule in die Hauptstadt zu schicken. Gesagt, getan. Mit zehn Jahren ging Gilberto Gil nach Salvador, der alten Stadt Bahias, wo er im Haus einer Tante väterlicherseits, Margarida, wohnte. Er trat ins Gymnasium ein und begann in der Academia Regina Akkordeon zu lernen.

Die Jahre vergingen, und Gil ließ sich - nunmehr bereits mit der Gitarre bewaffnet - von der Bossa Nova faszinieren. 1963 lernte er einen jungen Mann aus Santo Amaro da Purificação kennen, Caetano Veloso,  der ihn bald auch seiner Schwester, Maria Bethânia, vorstellte. Gil arbeitete beim Zoll - es war seine erste Anstellung - und besuchte nebenher die Fakultät. Nach dem Dienst und den Seminaren traf er sich dann mit dem neuen Freundeskreis, dem auch Gal Costa und Tomzé angehörten.
Im Jahr darauf  hatte die Gruppe ihren ersten Auftritt, nämlich bei der Veranstaltung Nós, por exemplo(Wir, zum Beispiel), einem der Konzerte im Rahmen der Einweihung des Teatro Vila Velha. 1965 begab sich Bethânia nach Rio, um im Ensemble der Show „Opinião" mitzuwirken, und nahm den Bruder Caetano im Schlepptau mit. Gil blieb in Bahia, machte 1964 seinen Abschluß in Betriebswirtschaft und tauschte die Eheringe mit Belina, seiner ersten Frau, die ihm die Töchter Nara und Marília schenkte.

Aber alles geschah sehr schnell und bald mischte die Musik sich ein. Er zog nach São Paulo, wo er nach einem kurzen Praktikum als Verwaltungsangestellter einer multinationalen Reinigungsmittel- und Kosmetikfirma eine Single-Schallplatte mit den Liedern Roda und Procissão aufnahm, und dann die LP Louvação, während er regelmäßig in Fernsehsendungen auftrat. Schließlich kam das entscheidende Jahr: 1968. Gil tauchte, bereits von seiner Frau geschieden, zusammen mit Caetano und der Gruppe mit dem Namen Grupo baiano endgültig ins Universum der Música Popular Brasileira ein. Damit nahm eine Revolution mit dem Namen Tropicália ihren Anfang.
Aber die revolutionäre Betätigung war ebenso intensiv wie kurzlebig. Im Dezember 1968 wurden Caetano und Gil von der Militärdiktatur festgenommen und in Bahia inhaftiert. Gil wechselte von seiner zweiten zur dritten Ehe - von Nana Caymmi zu Sandra Gadelha. Und nun mußte er die Realität des Exils in England erleben, wo Pedro Gil, sein erster Sohn, der 1990 bei einem Autounfall sterben sollte, zur Welt kam.

Erst 1972 kehrt das tropicalistische Duo in die fröhlich-traurigen Tropen zurück, um nunmehr auf dem Wellenkamm der gegenkulturellen Bewegung zu segeln. Gil bekommt noch zwei Töchter von Sandra: Preta und Maria. Er zieht nach Bahia, vertieft seine mystische Reise und widmet sich auf der Gitarre und im Gesang tonalen Entdeckungsreisen.
In den folgenden Jahren engagiert er sich in der politischen und sozialen Bewegung der afro-brasilianischen Mischlinge. Er beschäftigt sich mit mit Afoxé und Candomblé.  Er heiratet zum vierten Mal, Flora. Noch drei Kinder: Bem, Isabela und José Gil. Es folgt der Einstieg in die Politik (er wird zum Stadtrat von Salvador gewählt) und die ökologische Militanz in der Partei der Grünen sowie in der Fundação Ondazul. Und schließlich eine Lebenseinstellung, die sich angesichts der Lebensumstände und Weltereignisse immer heiterer zeigt.

Die totale Hinwendung zur Negritude [d.h. zum schwarzen Selbstbewußtsein] erfolgte erst in der zweiten Hälfte der 70er Jahre, nach der Befreiung der portugiesischen Kolonien in Afrika, mit der LP Refavela. In diesem Werk, das damals sehr mißverstanden wurde (die Musikkritik in Brasilien ist ebenso miserabel wie die Literaturkritik[O-Ton Risério]), tauchte Gil tief ein. Er rief einen überlieferten afrikanischen Historiker (den Geist" Babá Alapalá) auf den Plan, legte seine internationalistische Veranlagung im Verhältnis  zur schwarz-afrikanischen Frage dar, und er studierte im kreativen Fortbestand seiner Leute inmitten der Schimmer und Miseren der städtisch-industriellen Gesellschaft Brasiliens. Das ist, zusammengefaßt, die Bedeutung von Refavela, einem der dichtesten und leuchtendsten Werke Gils. Von da an wurde die Suppe nur noch reichhaltiger. Die Alben Refavela, Realce, Luar und Um banda um zeigen eindrücklich die Wallfahrt Gils im Universum der schwarzen und mischlings-schwarzen Bewegung im nationalen und internationalen Rahmen. Unter uns gesagt,  hier war das Engagement Gils organisch und unverzichtbar. Gil machte es sich zur Aufgabe, dem großen Publikum die Dialektik der mischlings-schwarzen Präsenz in der Geschichte Brasiliens zu verdeutlichen. Und dies, ohne die Hautfarbe zum Fetisch zu erheben.

*aus: „Gil: pontos de luz" von Antônio Risério; nachzulesen in: „Songbook Gilberto Gil Band 1", Hrsg. Almir Chediak
Die Veröffentlichung auf dieser Homepage erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des Verlags Lumiar
 
Caetano Veloso: „... se alguém quisesse reconstruir a história do violão brasileiro e pulasse o nome Gilberto Gil, seria como pular os nomes Dorival Caymmi, João Gilberto e Jorge Ben, e assim essa pessoa não teria dado notícia do que aconteceu com esse instrumento no Brasil."
„Wenn jemand die Geschichte der brasilianischen Gitarre rekonstruieren wollte und würde dabei den Namen Gilberto Gil übergehen, das wäre, als ob er Namen wie Dorival Caymmi, João Gilberto e Jorge Ben übergehen und somit überhaupt nichts darüber aussagen würde, was sich in Brasilien mit diesem Instrument abgespielt hat."

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