Interview mit Elba Ramalho am 3.7.1999
beim Tübinger Festival Viva Afro Brasil

Übersetzung u. Redaktion: Johannes Asal


- Wie ist es für dich, im Ausland vor Brasilianern zu spielen, die teilweise schon länger nicht mehr in ihrer Heimat gewesen sind?

Elba: Der Brasilianer, der im Ausland lebt, ist ein "Heimwehgeplagter". Jedesmal, wenn er etwas vorfindet, das mit seinem Land zu tun hat, ist er innerlich bewegt, egal, ob es sich um ein Buch oder einen Film handelt. Und die Wahrheit eines Landes ist die Musik, wie ich zu sagen pflege. Wenn der Brasilianer also auf ein Lied trifft, das Fröhlichkeit und Energie ausstrahlt ... das wichtigste von allem ist diese Mischung, die Mischung der Völker, die Vibration, die sich auch dann in der Musik niederschlägt, wenn die Menschen gar nicht den Text verstehen, den ich singe. Das ist so, weil die Musik allen Raum einnimmt, sie überlebt alle Sprachen, sie ist der Klang des Universums. Wenn man sie so versteht, kommuniziert die Musik der Welt, weil sie Musik ist.

- Wo liegen die Wurzeln deiner Musik?

Elba: Ich bin im Nordosten geboren, also noch oberhalb von Bahia, deshalb bringe ich noch andere Dinge ein, die man in Bahia nicht so kennt. Ihr kennt eher die Axé-Musik, die Musik des Carnaval. Was ich mitbringe, hat eine größere Dimension innerhalb des brasilianischen Nordostens, weil es den Carnaval von Pernambuco einbringt, einer Region, die in Wirklichkeit alles an Bahia weitergegeben hat. Die Region, wo ich geboren bin, ist sehr musikalisch, voll von Rhythmus, volkstümlicher Kultur und Festen. Ich bringe diese Seite des Ausdrucks ein, die in Stilen wie Xóte, Baião, Côco, Maracatu, Caboclinho enthalten ist. Ihr seht also, dass meine Arbeit mehr an Afrika und der Karibik orientiert ist, weil wir da, wo ich geboren bin, andere Einflüsse haben. Ich bin ein Bühnenmensch, eine Schauspielerin, die singt. Ich habe jahrelang beim Theater und beim Film gearbeitet, und gleichzeitig war ich Schlagzeugerin in einer Rockband. Meine Arbeit ist also eher visionär, will ich mal sagen, sie ist viel mehr dafür ausgelegt, in Konzerten präsentiert zu werden und so einen Teil von Brasilien mitzuteilen. ... Es ist ein einziger großer Spaß.

- Man hat dich schon öfters mit Tina Turner verglichen, was hältst du davon?

Elba: Ich finde das lustig, weil man mich in den USA auch die "brasilianische Tina Turner" nennt. Als ich das las, dachte ich "Ach, hier auch?" Ich glaube, jener Journalist mochte Tina Turner nicht allzusehr, denn er konnte nicht sagen, welche von uns besser war, was mich natürlich ehrte, aber andererseits nicht in die Irre führte, denn sie ist einfach fabelhaft. Es ist ein tolles Zusammentreffen, weil ich Tina Turner noch nicht kannte. Ein Engländer machte mich mit ihr bekannt, ein befreundeter Maler, der in Brasilien lebte. Er war ein guter Freund von mir und kam in meine Konzerte; er brachte mir eine LP von Tina mit, und auf der Hülle war Tina genauso angezogen wie ich auf der Bühne. Als ich das sah, rief ich aus "Wer ist diese Frau, die mich imitiert?" Also schaute ich sie mir näher an, ihre Beine, ihre Sinnlichkeit ... sie ist Buddhistin - wie ich, genauer gesagt praktiziere ich unterschiedliche spirituelle Traditionen, von denen der Buddhismus eine ist. Es gibt also eine Art Verbindung aus der Ferne – wir sind uns noch nie begegnet und werden uns wahrscheinlich nicht begegnen, aber die Welt ist voll von solchen Bezügen, nicht wahr? Wir ähneln uns in gewisser Weise, durch unsere Persönlichkeit, weil wir Sängerinnen sind, sie nützt ihre Beine und ihren Körper aus, wie ich, es ist toll, mit ihr verglichen zu werden.

- Warum kanntest du Tina Turner noch nicht?

Elba: (auf englisch) Das war vor langer Zeit, als ich noch Schauspielerin war, ganz am Anfang. (auf portugiesisch) Ich kannte sie damals wirklich noch nicht! – Weil sie für längere Zeit pausierte, (auf englisch) sie war weg vom Showbusiness. Als sie wieder zurückkam, jeder ... Nein ich bin ihr in Brasilien begegnet. "Hi Tina, schön dich kennenzulernen."

- Wer hat dir den Namen "Löwe des Nordens" gegeben?

Elba: Das war Lenine. "Löwe des Nordens" ist eine pernambucanische Tradition, der Maracatu von Pernambuco. Dieses Lied hat einen spektakulären Text und ist von Lenine, der ein großartiger Komponist und zur Zeit einer der bedeutendsten Namen von Brasilien ist. Ein exzellenter Musiker, gebe Gott, dass ihr ihn hier kennenlernen könnt und dass er seine Fröhlichkeit und Intelligenz und die Vielfalt der Rhythmen in seiner Arbeit mitbringen kann. Er hat dieses Lied wie mehrere andere für mich geschrieben, eine große Entdeckung.

- Gibt es irgendeine interessante Geschichte aus deinem Leben, die du erzählen möchtest?

Elba: Ich war schon immer angefressen, weißt du. Ich habe einen Musiker als Vater, und seit meiner Kindheit hatte ich es mit der Kunst. Ich spielte Theater im Hof, und die Familie hielt es am Anfang nur für Spaß. Als ich vierzehn war, gründete ich eine Rockband, nur aus Frauen bestehend. Und ich habe angefangen, heimlich zu spielen. Natürlich wusste am Anfang niemand dass ich Rock in einer Band spielte. Sie dachten, ich sei in der Schule, und ich ging zur Probe mit der Band. Eines Tages, als ich gerade am Spielen war, kam mein Vater in die Schule, und ich "HHHH?!" - Er sagte "Holt die da von dem Schlagzeug runter!" Es gab also Ablehnung bei der Familie. Aber gleichzeitig hatte ich schon angefangen Theater zu spielen, und in der Kneipe Gitarre... Ich war schon immer ein Kind von Fröhlichkeit, und eine gewisse Vorherbestimmung. Ich lebe seit Jahren allein, damals zog ich nach Rio, um mich durchzuschlagen, ich schlage mich bis heute kämpfend durch, ich hab´s mir nie bequem gemacht, mich nie auf dem Erfolg ausgeruht. Ich bin immer noch eine "Festnudel", und meine Musik bringt das rüber, aber auch andere Sachen, ich singe auch ernstere Lieder, und ich möchte als Sängerin betrachtet werden, die sich auf beiden Seiten verkauft, auf der Seite des Forro (Tanz) und auf der Seite der Fröhlichkeit, und ein bisschen mehr. – Ich bin vom Universum.

- Wie verstehst du das Wort "paquera" [etwa: Anmache, Anbaggern]?

Elba: Es heißt Eroberung, wenn du jemanden anmachst, hast du Lust auf ihn. Das ist "paquera". Wie ich es verstehe, kann ich auch Lust auf Essen habe, das Essen macht mich an. Ich werfe ein Auge darauf, begehre es. Es kann alles mögliche sein, was du dir wünschst, eine Person, Kleider, etwas essbares, was auch immer.

- Erklär mal, was Forró bedeutet.

Elba: Der Ursprung des Wortes Forró kommt nach Ansicht vieler Brasilianer von dem englischen "For all". In der Kolonialzeit haben die Gringos, Holländer, Franzosen im Nordosten Feste veranstaltet. "Today´s gonna have a party – for all (Heute gibt´s ein Fest – für alle)" Aus diesem "For all" ist dann das Wort Forró geworden. Forró ist also keine Bezeichnung für einen Rhythmus, sondern ein Wort für Fest. Heute ist ein Forró, d h. alle gehen zum Tanzen. Du kannst auf dem Forró tanzen, was du willst, Forró meint das Ereignis. Innerhalb der nordestinischen Tradition feiert er heute einen Riesenerfolg in Brasilien. Heute erobert [die Musik aus der Tradition des] Forró die Radios, besonders die jungen Leute aus der Mittelklasse in Rio und São Paulo. Im Nordosten will man nichts von Axé-Musik wissen, nur von Forró. Weil die Forró-Musik so etwas leckeres, pikantes hat. Bei uns liebt man das Spiel, es ist ein sinnliches, provozierendes Spiel. Es ist etwas gesundes, nichts ... Es ist ein sehr enger Tanz, etwas eher karibisches. Der Forró ist also DIE große Tradition Brasiliens. Samba und Baião werden nie aufhören, Brasilien zu repräsentieren, da kann Axé oder Pagode kommen, was immer es auch an Rhythmen geben mag – aber der Baião und der Samba werden immer die am meisten repräsentierten Rhythmen Brasiliens bleiben. So wie João Gilberto für das Publikum im Ausland seine Bedeutung hat, so hat Luiz Gonzaga seine Bedeutung für uns und auch für das ausländische Publikum. Das Akkordeon, der Rhythmus, die Form, das werden wir immer lieben und dazu tanzen.

- Ist es schwierig, nordestinische Musik in anderen Teilen Brasiliens zu spielen?

Elba: Noch ist es schwierig. Brasilien ist ein sehr musikalisches Land, aber auch sehr marktbestimmt. Die Axé-Musik ist zu einem Markt geworden. Araketu und Margareth Menezes [die am selben Tag auftraten] sind sehr gut. Und noch einige andere würde ich als gut bezeichnen, aber die übrigen Sänger und Bands sind bereits Kopien, Produkte. Man stellt sie hin, lässt sie tanzen und herumturnen, um Geld damit zu verdienen. Genauso ist das mit dem Erfolg. So wird dir manchmal eine Katze statt einem Hasen aufgetischt. Du meinst, etwas wunderbares zu sehen, was in Wirklichkeit überhaupt nichts darstellt. Es gibt heute eine sehr starke Herrschaft durch die Radios. Sie haben sich ziemlich durchgesetzt, eine gut organisierte Struktur geschaffen, und sie spielen denjenigen, der sie gut bezahlt. Brasilianisches Radio ist keine vertrauenswürdige Angelegenheit. Wir müssen überleben, ohne in der Hitparade zu stehen. Ich habe seit 20 Jahren auf ernsthafte Weise Erfolg in Brasilien, ich weiss nicht, ich glaube, das Volk mag mich, und ich habe eine Vorherbestimmung, denn es ist nicht einfach...

Brasilien hat eine lange musikalische Geschichte. Es hat Tom Jobim, João Gilberto, Gilberto Gil, Caetano Veloso, Chico Buarque, Alceu Valença, keiner dieser Namen verkauft so viele Platten wie die Bands, die Axé spielen. Warum, weiss ich auch nicht! Aber die genannten Namen sind die wahre Essenz der brasilianischen Musik, und ich sehe das mit einer gewissen Gelassenheit, wisst ihr! Man muss einfach genau hinschauen, was gut ist in Brasilien, und was Wegwerfware ist. Es gibt Bands, die ich noch nie gehört habe, und die – ungelogen - schon 2½ Mio. Platten verkauft haben. Die haben zwei Mädchen in Shorts die so ... machen, und das reicht schon, 2½ Mio.! Und die Musik ist bum bum bum, oh oh, ah ah, oh oh. Und das verkauft sich, aber so ist Brasilien. Du musst einfach wissen, was du hören willst. Es ist ein großes, ein musikalisches Land, die Musik ist heute das größte Produkt Brasiliens. Brasilien könnte sich aus der Krise herauskommen, wenn die Regierung Musik im Garten anpflanzen und dann exportieren würde.

- Brasilianische Musik ist in Deutschland schon seit längerem sehr erfolgreich. Wie erlebst du das in Brasilien oder wenn du hier auftrittst?

Elba: Es gibt in Brasilien viele Deutsche. Die Deutschen gehen gern dorthin. Man kann ihre Anwesenheit dort bemerken. Ich weiss nicht warum, aber ich finde, Deutschland ist ein offenes Land. Seit ich das erste Mal hier war, sehe ich es so, wegen der Persönlichkeit der Leute hier, wegen ihrer Lockerheit, euch gefällt die Musik, ihr nehmt sie an, es gibt Dinge, die man nicht erklären kann. Auch in Frankreich kommt die MPB sehr gut an. Es gibt andere Länder wo das nicht so der Fall ist. Ich war noch nicht vor so langer Zeit hier, aber ich sehe, dass viele Bands, vor allem vom Axé, herkommen und großen Erfolg haben.

Ich habe ein Haus in Trancoso im Süden von Bahia. Und dort gibt es nur Deutsche. Es ist ein Strandhaus, ein exotischer Ort, ein winziges Dorf, die Hippies aus der ganzen Welt sind dort. Und die meisten davon sind Deutsche – Italiener und Deutsche. Ich habe viele deutsche Freunde. Sie kommen gerne dorthin, um ein naturverbundeneres Leben zu führen, den Boden unter den Füßen, ein Bad im Fluss... und diese Musik...

- Also sprichst du schon ein wenig deutsch?

Elba: Nein, nein, nein. Ich habe mal auf deutsch gesungen, als ich Theater spielte, da musste ich ein Lied von Kurt Weill und Bertolt Brecht singen, aber ich kann mich an kein einziges Wort mehr erinnern. "Und der Haitfisch, der hat Zähne..." Ich liebe Bertolt Brecht. Als ich mal hier war, habe ich in Ostdeutschland das Haus von Brecht besucht. Ich habe alle Platten von Lotte Lehner, ich verehre die deutsche Musik [imitiert ein Marschlied]. Ich kenne alles, und ich glaube, sie waren genau deswegen wichtig in der Theatergeschichte. Ich habe Theaterstücke von Brecht gespielt, vor vielen Jahren. Das waren meine besten Aufführungen, und sogar die Kritik sprach davon, dass ich so wirkte wie eine Deutsche aus der Zeit von ... was weiss ich - so habe ich mich in die Rolle eingefühlt.

Ich will euch etwas erzählen. Ich bin Anhängerin des Alain Cadec-Spiritismus, Cadecismo genannt, und der größte Teil der Geister/Medien, die ich kenne, die meisten Heiler sind Deutsche. Sie sind fantastisch. Es ist also sehr interessant, wie viele deutsche Spiritisten in Brasilien leben. Ich meine es ernst, weil in den Sitzungen es nicht mehr das Medium ist, das etwas empfängt und den Geist inkarniert, sondern es ist der Geist selbst, der herabkommt, er selbst in Fleisch und Blut, deutsch, genau wie du, blaue Augen, das Auftreten... Die Materialisierungen sind alle Deutsche, erstaunlich. Und sie bewirken unglaubliche Heilungen, ich bin sehr gut mit ihnen befreundet.

Diese Jahr habe ich 20-jähriges Jubiläum als Musikerin. Ich bringe ein Live-Album heraus, die Hälfte wurde schon in Salvador aufgenommen, den Rest nehme ich im Studio auf mit verschiedenen Gastmusikern, befreundete Sänger wie Chico Buarque, Lenine, Alceu Valença. Wir wollen damit den gemeinsamen Weg würdigen. Ausserdem erscheint eine Biografie mit Fotos und der ganzen Geschichte, denn ich habe eine große Geschichte von Shows und Aufführungen, ich habe schon eine Reihe von Preisen bekommen, meine Shows waren - mit aller Bescheidenheit – glänzend. So begehe ich also das 20-jährige, komme hierher nach Europa, habe schon fünf Nächte nicht mehr geschlafen – kleiner Scherz! Ich bin dankbar.

Ich habe wirklich schon mehrere Nächte kaum Schlaf gehabt. Wir waren ständig auf Reisen – ich bin eine Ausserirdische.

Es gibt einen lustigen Text [den ich heute auf der Bühne erzählt habe]: Mit zehn schnuppere ich, mit zwanzig mache ich einen Trick, mit dreissig formiere ich eine Perkussionsgruppe, mit vierzig komme ich als erste an, mit fünfzig bin ich Brasilianer, mit sechzig bin ich nagô, mit siebzig tanze ich agogô, mit achtzig bin ich immer noch da, mit neunzig werde ich die Welt retten, und mit hundert machen wir was zusammen, eine Super-Show z.B....

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