Interview mit Lirinha, dem Sänger der Band "Cordel do Fogo Encantado"
am 28.7.2001 beim Stimmen-Festival
in Lörrach

Redaktion und Übersetzung: Johannes Asal


Espaço Aberto: Marc [der Manager der Band] hat mir gerade erzählt, dass Ihr es mit Eurer CD als erste mit einer Independent-Produktion in die Top 50 der brasilianischen Verkaufs-Charts geschafft habt.

Lirinha: Genau. Wir haben bewusst diese Arbeitsform ausgewählt, weil wir auf diese Weise die Freiheit beim Komponieren und Aufführen bis hin zum Vertrieb haben. Später kann es auch dazu kommen, dass eine große Produktionsfirma mit uns arbeitet, aber wir glauben, dass jede Band durch eine solche Phase der Unabhängigkeit gehen muss, um zu wachsen ...

EA: ... auch, um mehr Argumente zu haben, wenn eine große Produktionsfirma sich in den Entstehungsprozess einer Platte einmischen will.

Lirinha: Es gibt immer zwei Seiten, eine gute und eine schlechte. Die Unabhängigkeit hat auch Nachteile, wie beispielsweise die stark begrenzten Möglichkeiten als kleine Band. Und genauso hat auch die Zusammenarbeit mit einer großen Firma ihre Nachteile, z.B. dass alles genau vorgeschrieben wird, vom öffentlichen Auftreten bis hin zum Plattenverkauf. Jedenfalls ist es notwendig, dass eine Band eine Leidensphase durchmacht, um zu lernen, wie schwierig das alles ist und was es kostet; und auch für das innere Wachsen einer Band ist es wichtig, sie wird dadurch geeint.

[1:59]*

EA: War der heutige Auftritt Euer erster in Deutschland?

Lirinha: In Deutschland schon. Ausserhalb Brasiliens war es unser zweiter - wir haben vorher in Antwerpen, Belgien, gespielt. Für uns ist das eine ganz neue Erfahrung: in Brasilien haben bei einem Auftritt die Texte eine ganz wichtige Funktion, denn wir verarbeiten viel Poesie der traditionellen Volkssänger, aus der mündlichen Überlieferung. Hier [in Europa] fehlt diese Seite, dass die Leute verstehen, wovon die Texte handeln.
Andererseits gibt es bei uns den ganz wichtigen Aspekt des Perkussiven, mit dem sich die Zuhörer auch identifizieren. Das neue für uns ist also, dass einerseits das textliche Verstandenwerden fehlt, dass wir aber auf der anderen Seite über den Klang verstanden werden. Unser Sound hat viel von der ursprünglichen Ausstrahlung unserer Vorfahren, der Indio-Ureinwohner, ihrer Trommeln... Ich glaube, in jedem Teil der Erde können sich die Menschen damit identifizieren.

[3:31]

EA: Welche Rhythmen verwendet ihr in eurer Musik?

Lirinha: Es fing damit an, dass wir von der Quelle der Rhythmen tranken, bei der schwarzen ebenso wie bei der indianischen Bevölkerung. Wir hatten zunächst überhaupt keine Zugangsmöglichkeit, da es in unserer Stadt weder Bücher noch Diskographien zu dieser Musik gab. Unsere Heimat ist der Sertão, [eine karge Landschaft] im Landesinnern des Bundesstaats Pernambuco [im Nordosten Brasiliens], eine Region, die sehr unter Regenmangel leidet. Die Sonne brennt dort heisser, daher kommt das Wort "Fogo"(=Feuer) [in unserem Bandnamen]. Das Feuer ist ein sehr repräsentatives Symbol für uns, die agressive Art, wie wir uns ausdrücken, indem wir schreien, das hat uns stark beeinflusst. Aber mit der Zeit wollten wir, dass unsere Musik nicht repräsentativ für eine zu bewahrende Tradition sein sollte, sondern mehr unsere eigene Musik, obwohl man natürlich die Einflüsse der Tradition nicht [ganz] verlassen kann, denn sie sind nun einmal da. Welche Einflüsse sind das? Die indigene Musik, die es schon vorher hier gab, z.B. der Toré [imitiert den Rhythmus an dieser Stelle].

EA: Ihr habt bei einem Lied eine Flöten-Melodie vom Tonband eingespielt...

Das ist eine Aufnahme von unserem Lehrer, der vor drei Jahren starb, und wir haben sie in unsere CD mit eingebaut. Es ist eine Melodie, die extrem aus der Tradition der portugiesischen und spanischen Kolonisatoren stammt. Eine Tradition, die ihrerseits wieder von den Mauren kommt, welche die iberische Halbinsel eroberten. Diese maurische Tradition wirkt noch bei uns in Brasilien mit hinein, die Perkussion, in den Instrumenten, Gitarre, Flöte, die harmonischen Elemante...

Unsere Show beginnt mit dem Aboio (=Viehtrieb), und dieser [Sprechgesang] ist pure arabische Tradition. Ausserdem kommt noch der Samba-de-Côco aus unserer Region vor, und vieles aus der religiösen afrikanischen Musik, wie Umbanda und Candomblé. Aber es ist recht kompliziert, über Einflüsse zu sprechen, weil es ein so weites Feld ist. Das beginnt schon bei unserer Mutter, die uns Lieder vorsingt, die Leute auf der Straße, die schwergewichtige [klassische ? ] Musik, die wir in Radio und Fernsehen mitbekommen. Wir sind in dieser Region geboren und hatten bereits den Zugang zu Medien wie Fernsehen und heutzutage Internet. Wir sind also keine exotischen Hinterwäldler, sondern junge Leute, die unter globalisierten Einflüssen aufgewachsen sind, und so wollen wir uns auch mitteilen.

[8:19]

EA: Du hast ein Liebesgedicht während der Show rezitiert - was bedeutete es genau?

Lirinha: Das Portugiesisch ist - grammatikalisch betrachtet - total falsch. Weil unser Land sehr groß ist, gibt es verschiedene Dialekte - man kann es nicht einmal als Dialekte bezeichnen, sondern als unterschiedliche Umgangsweisen mit der Struktur der Spache. Und so gibt es regionale Akzentverschiebungen - Nordosten, Südosten - und so hat auch unsere Region eine sehr eigene Sprache. Dieses Gedicht ist eine Spielerei von einem Poeten namens Zé da Luz, Anfang des letzten Jahrhunderts. Er war ebenfalls aus dem Sertão, aus Paraiba. Man sagte damals zu ihm, um ein Liebesgedicht zu verfassen, müsse man in korrektem Portugiesisch schreiben. Aber er hatte niemals studiert, er war ein Volkspoet aus dem Hinterland.

Das Gedicht geht so [die Übersetzung muss notgedrungen unvollkommen ausfallen]:

      Wenn wir uns eines Tages mögen würden
      Wenn wir uns eines Tages begehren würden
      Wenn wir beide ein Paar würden
      Wenn wir beide zusammen leben würden
      Wenn wir beide zusammen wohnen würden
      Wenn wir beide zusammen schlafen würden
      Wenn wir beide zusammen sterben würden
      Wenn wir beide zusammen in den Himmel aufsteigen würden
      Wenn es aber dazu käme, dass der Heilige Petrus
      die Pforte des Himmels nicht öffnete und irgendeine Torheit sagte,
      und wenn ich mich auf die Tür stürzte, und du und ich auf Einlass bestehen würden,
      Wenn ich mein Messer zücken und den Bauch des Himmels aufschlitzen würde,
      damit wir beide bleiben könnten, oder damit wir beide fielen
      und der durchbohrte Himmel aufgeben würde,
      und dass die Jungfrauen alle aus dem Himmel abhauen würden.

[lacht] ... die Jungfrauen, die nach der katholischen Tradition direkt in den Himmel kommen. ... den Bauch des Himmels aufschlitzen, damit die Jungfrauen abhauen, um zu leben - das ist ein sehr interessanter Gedanke.

Diese Art, Dinge satirisch zu behandeln, gibt es [in unserer Poesie] sehr häufig, zum Beispiel das Verhältnis zwischen dem Göttlichen und der Erde. Die brasilianische Poesie beinhaltet sehr stark dieses Band zwischen den sakralen und den irdischen Dingen. Die sakralen Dinge beeinflussen aus der Sicht der Menschen sehr stark unser Leben, und wir [als Band] teilen diese Sichtweise - das ist das "encantado"(verzaubert) [in unserem Bandnamen]. "Verzaubert" steht für all die Dinge, die wir nicht verstehen. "Cordel" steht für die [erzählte] Geschichte.

EA: Diese Sache mit dem "Bumbá meu boi" [In der Show taucht einmal ein stilisierter Stier auf] habt ihr zwar optisch in die Show integriert, aber der [dazu gespielte] Rhythmus war nicht derselbe, oder?

Lirinha: Tatsächlich ist es so, dass das Rind in Brasilien als Element in vielen Manifestationen vorkommt. Das Rind wird gewürdigt als sehr fundamentaler Teil unseres Lebens. In unserer Region wird ein Kult um das Rind gemacht, man schreibt Lieder über die Tapferkeit von Stieren, man gibt ihnen Namen... Deshalb haben wir beschlossen, den Stier auch in unsere Show einzubauen. Unserer ist ein Lichter-Stier mit zwei Scheinwerfern als Augen. Mein Vater hat mir Geschichten von tapferen Stieren erzählt, ich erinnere mich noch an Namen wie Avoadô (der Leichtsinnige), Violento (der Gewalttätige) und Vaidoso (der Eitle). Und so heisst es in einem unserer Lieder: "Ziehe deine Kreise auf meinem Land, Lichter-Stier. Lass bunte Bänder in der Dürre flattern. Berühre das Feuer in der Welt - Violento, Vaidoso, Avoadô." Wer die Geschichte nicht kennt, denkt, mit violento sei die Welt gemeint, aber es ist der Name des ersten Stiers. Interessant an diesem Lied ist auch, dass wir von Retirantes [etwa: Aussiedler, Auswanderer] sprechen, die schon die ganze Welt durchstreift haben. Die Welt wurde von Auswanderern begründet.

[Abschließend an die Hörer von Radio Dreyeckland gerichtet sagte Lirinha]: Wir - "Cordel do Fogo Encantado" aus Pernambuco, freuen uns sehr, an der Sendung "Espaço aberto" mitwirken zu können, unsere Ideen und Lieder zeigen zu können. Hoffen wir, dass das nur der Anfang eines Austauschs von Ideen und Gefühlen ist - Musik ist immer auch Kommunikation - und dass, selbst wenn manche unsere Musik seltsam finden, doch die Gefühle rüberkommen.

* die Zahlenangaben in eckigen Klammern geben die Position des jeweiligen Abschnitts in der Audio-Datei an

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