Caetano Veloso – ein PorträtRedaktion und Übersetzung: Teresa Albuquerque de Araujo Vondung & Adriana Velho Falcão
Caetano ist jedoch auf seine Weise durchaus nationalistisch im Hinblick auf die Musik eingestellt. Er ist bekannt für sein Wissen über altes brasilianisches Liedgut und hatte maßgeblichen Anteil am Comeback von Musikern wie Luiz Gonzaga, dem König des Baião, der während der 60er Jahre in Vergessenheit geraten war. Caetano Veloso brachte, zusammen mit Gilberto Gil, die Autoritäten mit seinem Tropicalisten-Chaos durcheinander. Als Gil und Veloso nach São Paulo gingen und dort und in Rio de Janeiro eine eigenwillige, ganz neuartige Kunstszene entdeckten, entwickelten sie den Plan, eine bilderstürmerische Musikmischung zu schaffen, in der alle Richtungen Platz haben sollten. Alles wurde ausgeschlachtet und in einen Topf geworfen: Luiz Gonzaga, die Beatles, Chuck Berry, Jean-Luc Godard, João Gilberto. Die Texte waren manchmal beissend scharf, manchmal surreal, aber immer provokativ. In der Tropicália war alles erlaubt: Rock und Samba, Volksmusik und urbane Klänge, Kultiviertes und Kitschiges, Berimbaus und elektronische Instrumente, Geräusche und Geschrei. Rock´n´Roll hatte es in Brasilien seit den späten 50er Jahren gegeben, aber dies war das erste Mal, dass er mit einheimischen Stilen vermischt wurde. Tropicália war nicht nur eine musikalische Bewegung. Es war eine ganze Kunstrichtung, die ungefähr von 1967 bis 1969 bestand. Sie manifestierte sich in Musik, Film, Theater, Dichtung und bildender Kunst. (Das Wort Tropicália stammte von dem Titel eines Raum-Kunstwerks von Helio Oiticica aus dem Jahr 1967). Einige der Ideen der Tropicalistas hatten ihre Vorläufer in den Arbeiten des Poeten Oswald de Andrade, der vierzig Jahre zuvor das Konzept des künstlerischen Kannibalismus entwickelt hatte, das er in seinem "Anthropophagischen Manifest" von 1928 erläuterte. Gil und Veloso übernahmen Andrades Gedanken. Sie verschlangen alles – einheimische Musik und Themen, sowie importierte Stücke ausländischer Kulturen – und bearbeiteten es dann neu: in Eigenregie, wie Andrade es empfohlen hatte. Zusammen mit anderen Musikern veröffentlichten Gil und Veloso 1968 ein kollektives Manifest in Form eines Albums, der Tropicália hieß. Musik und Text der Tropicália-Songs waren oftmals intelligente, provokative und ironische Montagen. Nicht alle aber verstanden, was Gil und Veloso taten. Viele hassten es sogar. Sie mochten den Rock´n´Roll nicht und sie mochten die elektrischen Gitarren nicht. 1965 begann die Ära der Musikfestivals. Sie wurden in Fernsehen übertragen. Inmitten eines von wachsender Angst und Repression gezeichneten Klimas waren diese Festivals für viele Brasilianer ein lebenswichtiges kulturelles Ventil. Dort begannen nicht nur viele Musikerkarrieren, sondern eine Zeitlang waren sie ein Forum für politisch abweichende Meinungen, die in den Liedern zum Ausdruck kamen. 1967 waren Gilberto Gil und Caetano Veloso an der Reihe, und sie benutzten dieses Forum, um eine völlig neue musikalische Bewegung zu starten: die Tropicália. Zu jener Zeit waren die Musikfestivals im ganzen Land groß in Mode. Fand ein Festival statt, waren die Straßen Brasiliens wie leergefegt, weil alle zu Hause vor dem Fernseher saßen, um sich die Show anzusehen. Das Publikum auf dem Festival verhielt sich ähnlich wie die Fußballfans in den Stadien. Wer das Ereignis besuchte, ging in das Theater, um seine Favoriten mit Fähnchen und Beifall zu unterstützen und die anderen (Konkurrenten) zu stören. Als Veloso seine Tropicália-Hymne "Alegria, Alegria" (Freude, Freude) auf dem TV Record-Festival sang, wurde er ausgebuht. Ein großer Teil des Publikums war extrem nationalistisch eingestellt. Es verehrte authentische brasilianische Musik und verachtete alles, was in seinen Augen nordamerikanischen Kolonialismus symbolisierte. Diese Fans hielten "Alegria, alegria" für amerikanisisert, weil es ein Rocksong war und Veloso von einer Rockband, Os Beat Boys, begleitet wurde. Bei vielen kamen auch die fremden, fragmentierten Bilder nicht an; hier ein Ausschnitt aus dem Text des Liedes: Gegen den Wind laufend,
Als Veloso seine jüngste Schandtat 1968 in São Paulo auf dem Internationalen Festival des Liedes vortrug, wurde er noch lauter ausgepfiffen als für Alegria, Alegria. Er erschien mit der Rockband Os Mutantes (die in Plastikkleidung auf die Bühne kam) und spielte "É proibido proibir" (Verbieten verboten). Er konnte das Lied nicht beenden, aber er hielt eine erstklassige Rede aus dem Stegreif, in der er sein intolerantes Publikum tadelte. Es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis das Publikum ihn verstand. Im Dezember 1969 wurden Caetano und Gil vom Regime für vier Monate ins Gefängnis gesteckt. Nach ihrer Entlassung im Februar 1970 wurde ihnen empfohlen, Brasilien zu verlassen. Daraufhin nahm Caetano Lieder für ein Album auf und gab zusammen mit Gil Konzerte, um die Reise zu finanzieren. Nach seiner Abreise ins Londoner Exil, wo er die nächsten zwei Jahre verbringen sollte, wurde sein Album veröffentlicht. Das Album enthielt unter anderem "Atrás do trio elétrico" und eine neue Version von "Carolina", ein Lied von Chico Buarque. Selbst im Exil war Caetano in der brasilianischen Kulturszene stets gegenwärtig. Lieder, die er in England komponierte und nach Brasilien schickte, wurden von anderen Musikern gesungen und auf den Markt gebracht. Seine Kollegen in Brasilien vermissten Caetano und schrieben Lieder ihm zur Ehre, wie z. B. Paulo Diniz mit "Quero voltar para Bahia", ein Schlager ehemaliger Zeit, der in Englisch mit bahianischem Akzent singt: "I don’t want to stay here, I wanna to go back to Bahia". Ein weiteres berühmtes Lied komponierte Roberto Carlos, "Debaixo dos caracóis", das wir jetzt spielen, in der Version von 1992, von Caetano selbst gesungen. 1972 kehrte Caetano endlich zurück nach Brasilien. Zusammen mit Gilberto Gil, feierten sie mit einem Konzert in Rio ihre Rückkehr. Die Linken, die ihn zur Zeit der Tropicália weder gemocht noch verstanden hatten, versuchten ihn, als ein Symbol des Widerstands gegen die Regierung zu vereinnahmen. Caetano aber durchkreuzte diese Absicht mit seiner ersten Show, indem er auf der Bühne tanzte wie Carmen Miranda und damit sowohl die Rechten wie die Linken schockte. Brasilien war noch nicht reif für androgynes Verhalten. Im Dezember dieses Jahres erschien auf dem Markt die LP Caetano e Chico juntos e ao vivo, die live mit Chico Buarque aufgenommen wurde. Das war ein historisches Konzert. Obwohl manche Lieder noch zensiert wurden, war die LP ein riesiger Erfolg. 1976 bilden Caetano, Gil, Gal Costa und Caetano’s Schwester Maria Bethania eine Gruppe, die sich Os doces Bárbaros nannte. Die Gruppe machte eine Tournee durch Brasilien, brachte ein Album auf den Markt und löste sich dann auf. |